Von einem Leben in Freiheit und Selbstbestimmtheit zu träumen oder einen Flug zu buchen ist relativ einfach. Wirklich aussteigen und allein zu reisen, das ist eine ganz andere Sache. Was mir persönlich alles durch den Kopf ging und was alles zu tun war möchte ich im Folgenden schildern. Wie immer liegt mir daran Interessierten subjektive Gedanken und Erkenntnisse mitzuteilen. Warum? Na weil es schön ist, wenn man erstmal 90 Prozent der Phase zum Ausstieg erledigt hat und die Vorfreude auf Freiheit und Abenteuer das Steuerrad im Kopf übernehmen. Lasten von einem fallen und zum Teil kindliches Verhalten wieder aufsteigt. Eben diese unbefangene Freude und die Lust am Entdecken des eigenen Lebens. Das erfährt man nicht, wenn man seit Jahren tag täglich immer den gleichen Ablauf hat. Der doch gar nichts mit wirklichem Leben zu tun hat. Wer kann sich denn ein Leben ohne Supermarkt und Überangeboten noch vorstellen? Wem ist noch bewußt was das Leben ausmacht? Sich Hindernissen und Herausforderungen stellen, die nichts mit Gehaltserhöhung und Geldgeilheit zu tun haben. Das Leben ist für mich auch keine Traumreise an all die Stände an denen die meisten Menschen schon waren. Das pure Leben findet man, so denke ich, in Regionen dieser Welt die arm sind und dadurch reich. Aber das muss jeder selbst für sich herausfinden und mit sich klar machen. Aussteigen bedeutet für mich, ein Leben zu leben in einer absoluten Sebstbestimmtheit und einem ausgewogenem Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit unabhängig von gesellschaftlichen Normen und Zwängen nach Anerkennung. Ich persönlich finde mehr Reichtum in einer allgemeinen Bescheidenheit.

Aussteigen und allein reisen
Die acht prägendsten Punkte des Prozesses meines Aussteigens möchte ich hier schildern.

1. Die Entscheidung auzusteigen.

Vom Aussteigen und zeitlich unbegrenzten Reisen hatte ich bis zu meinem Besuch in Nepal nicht wirklich was im Sinn. Es war mir bis dahin einfach zu abstrakt. Davon in Dokus etwas zu erfahren oder in Büchern darüber zu lesen ist eine Sache, eine ganz andere ist es Aussteiger kennen zu lernen. Und dies durfte ich in Nepal. Einer von ihnen war Michael, der gerade mit dem Rad von Frankfurt in den Iran radelt. Die andere war Marie, die als Ex-Bankkauffrau durch Asien reist und ihr altes Leben, wie Michal an den Nagel hängte. Mich hat es fasziniert zu sehen, wie diese beiden in einer Leichtigkeit ihren Ausstieg schilderten und dabei so unendlich glücklich aussahen. Immer lächelnd und absolut zuversichtlich die für sie richtige Entscheidung getroffen zu haben. Also habe die beiden Schuld daran, dass auch ich jetzt meine Entscheidung getroffen habe ein anderes Leben leben zu wollen. Wohlwissend, dass es nicht immer leicht werden wird. Ohne diese beiden lebenden Quellen der Inspiration säße ich immer noch vor meinem Computer und würde Pixel schieben – mal mit mehr und mal mit weniger Freude am Alltagstrott.

2. Den Job kündigen.

Na klar, das ist doch einfach – habe ich gedacht. Doch auch hier ist Denken und Träumen das eine und die Tat, also den Brief abzuschicken und auf die Reaktion der Cheffin zu warten etwas völlig anderes. Man gibt ja nicht nur einen halbwegs sicheren Arbeitsplatz auf, an dem man Kollegen hat die man mag und nicht mag. Man gibt vor allem sein festes Einkommen auf und was nicht zu unterschätzen ist, eine Beschäftigung. Nicht jeder ist für Rumgammeln geboren. Eine sinnvolle oder auch weniger sinnvolle Beschäftigung zu haben kann sehr wichtig sein. Im ersten Moment fühlt es sich ganz gut an. Frei von Arbeit. Doch bedarf es einem guten Plan, denn ohne Job kein Einkommen. Also, bevor der Job gekündigt wird, Geld sparen so gut es geht. Wenigstens so viel, dass die Startphase des Aussteigens gesichert ist und nicht nur der Flug im Vorfeld gebucht werden kann. Etwas Taschengeld ist schon von Wichtigkeit egal ob mein Ziel Nepal oder ein anderes „günstiges“ Land ist. Dennoch bringt auch die Kündigung des Jobs ein gutes Gefühl, denn man hat wieder eine wichtige Entscheidung getroffen und ist seinem Wunsch Auszusteigen einen weiteren großen Schritt näher gekommen.

3. Die Wohnung auflösen.

Wer von uns ist in seinem Lebenszyklus nicht schon einmal umgezogen und kennt nicht den Aufwand der damit zusammenhängt. Das Gute am Aussteigen ist, man braucht keine neue Wohnung. Der Rest des Aufwandes bleibt der gleiche. In meinem Fall habe ich mich dafür entschieden, alles was noch von Wert war zu verkaufen oder zu spenden. Erst wenn alles mehr oder weniger aus der eigenen Behausung verschwunden ist und man die letzten Nächte in leeren Räumen verbringt, merkt man wie erleichternd es ist mit fast gar nichts zu leben. Mit jedem Möbel was aus der Wohnung geschleppt und gegen Bargeld eingetauscht wurde fällt auch ein Stück Last von den eigenen Schultern. Ich habe nie an Dingen gehangen. Habe mich jedoch sehr darüber gefreut, wenn andere Menschen ihren Nutzen in diesen wenigen Dingen sahen und meine Reisekasse immer dicker wurde. Egal ob es kleine Beträge für einen alten Schrank waren oder größere Beträge für neuwertige Möbel. Manchmal habe ich mich sogar gewundert das Menschen Sachen kauften, die ich als wenig interessant noch als wertvoll empfand. Einige Sachen habe ich gespendet und dadurch noch etwas Gutes getan.

4. Geld für den Ausstieg sparen.

Was jetzt kommt ist nichts neues. Dennoch wiederhole ich hier gerne das, was andere bereits in ihren Blogs veröffentlichten. Während meiner Zeit als Angestellter ging ich oft täglich in der Mittagspause mit Kollegen zum Essen in ein Lokal. Das war meist nicht günstig noch war es dem Preis entsprechend gutes oder gesundes Essen. Als ich vor 6 Monaten anfing meinen Aussteig zu planen, zog ich es vor selbst zu kochen. Monatlich konnte ich so mehrere hundert Euro sparen und in mein Equipment investieren, oder andere wichtige Dinge die ein Aussteigen mit sich bringt. Dazu kam, dass ich mich auch deutlich gesünder ernährte anstatt fettiges und wenig schmackhaftes Essen in Restaurants zu mir zu nehmen. Es ist nicht zu unterschätzen wie viel Geld man sparen kann, legt man die Faulheit ab und kocht selbst mit wenigen, dafür qualitativ guten Lebensmitteln wie Reis von Chinamarkt den man selbst kocht, frisches Gemüse vom Markt und eine Hand voll guter Gewürze. Auch das Thema „Ausgehen“ habe ich stark reduziert und mich dafür lieber mit Freunden zuhause getroffen. Generell kann man sehr gut sparen, wenn man sein eigenes Konsumverhalten bewusst reflektiert und daran arbeitet. Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt: „Was brauche ich wirklich zum Leben?“

5. Zweifel bekämpfen.

Kann ich das? Schaffe ich das? Will ich das überhaupt? Tue ich das Richtige? Das sind Fragen die sich jeder von uns stellt. Dabei spielt es keine Rolle ob wir einen neuen Job antreten oder aussteigen. Unser Geist spielt seine Spielchen mit uns und treibt uns immer wieder in die Zweifelsucht. Hier ist manchmal etwas Vorsicht geboten. Nicht jeder Zweifel ist unberechtigt. Zweifel können beschützen. Aber Zweifel sollten niemals zum Selbstläufer werden und zu einem bestimmenden Element unseres Lebens. Wenn bei mir die Zweifelsucht beginnt, dann meist aus einem Grund: Stillstand. Für mich persönlich ist es wichtig, aktiv zu bleiben und nicht im „Nichtstun“ zu verweilen. Jedenfalls nicht bei meinem Vorhaben dem Aussteigen. Manchmal plagen mich Zweifel tagelang. Dann hilft nur eines, eine Entscheidung zu treffen. Auch wenn ich diese Entscheidung immer wieder auf’s Neue treffen muss um mein Ziel zu erreichen. Was mir immer gut tut ist, meine Zweifel mitzuteilen. Freunde und Familie stehen hier ganz vorn. Die Gedanken die mich plagen auszusprechen und einen Abgleich zu schaffen zwischen dem eigenen Empfinden und die Sicht von Außenstehenden ist sehr hilfreich. Oder ein Selbstgespräch vor dem Spiegel, was unter Umständen sehr amüsant verlaufen kann, löst schnell den Zweifel auf und ich komme zurück zu meiner eigentlich längst feststehenden Entscheidung weiterzumachen und wieder zurück zu kehren auf den Pfad der „Erleuchtung“.

6. Motivation von Innen & Außen.

Zweifel gehen der Motivation voraus. Im Umkehrschluss steht die Motivation dem Zweifel entgegen. Wenn du so tickst wie ich, also Frohsinn eine Charaktereigenschaft ist, dann fällt es Dir leicht dich selbst zu motivieren. Nicht immer, aber doch ziemlich oft. Ich persönlich motiviere mich gern mit Gedanken und das Träumen um mein Vorhaben. Ich vergleiche in Gedanken den Zustand der mich unglücklich gemacht hat, also zum Beispiel das jahrelange Arbeiten oder wie in meinem Fall die verlorene Zeit in der sehr depressiv unterwegs war. In den Jahren der starken Depression war ich ganz weit ab von Leben leben, Freude und Sonnenschein. Wenn ich auf diese schwere Zeit zurückblicke und mich im Hier und Jetzt betrachte, erkenne ich zum Glück den Unterschiede meiner momentanen Lebenssituation. Wenn ich mir dann ausmale wie wunderbar die nicht zu weite Zukunft sein wird, motiviert mich das ungemein meinen Weg weiter zu gehen und auszusteigen. Im Buddhismus spricht man von „Mind Printings“. Im Westen würde man dazu „Positives Denken“ sagen. Seitdem ich meinen Plan in die Tat umsetze, schwappt das Leben vor sich hin und ich bin im Fluß. Es gelingt mir alles auf mich zukommen zu lassen. Natürlich wohlwissend, dass ich etwas dafür tun muss. Aber eben ohne mich zu stressen oder in gesellschaftlichen Zwängen leben zu müssen. Das ist ein schönes, jedoch noch unbekanntes Gefühl. Daran muss ich mich noch gewöhnen, denn oft suche ich immer noch nach dem „Haken“. Nach dem Negativen das irgendwo auf mich lauert, dann aber doch nicht kommt. Motivation durch Freunde und Familie stützen mich dabei und lassen mich Vertrauen in meine Entscheidung finden und vertiefen.

7. Der Abschied von Freunden.

„Nichts ist beständig und von ewiger Dauer.“ Das sagt der Dalai Lama und andere Buddhisten. Es stimmt, wenn wir dabei einmal an einen wolkigen Himmel denken. Dennoch fällt es schwer mich von Freunden zu verabschieden. In meiner Lebensgeschichte spielt das Thema Abschied eine prägende Rolle. Wer jedoch ist nicht von Melancholie umhüllt, wenn er Freunde vorerst verabschiedet? Mein bester Freund ist gerade Vater geworden. Ich kenne ihn seid meinem 16. Lebensjahr. Er wohnt in NRW und wir sehen uns nicht oft. Dennoch weiß ich, ich werde ihn und seine Familie sehr vermissen. Genauso geht es mir mit Anne und Matthis. Die beiden habe ich in meinem letzen Arbeitsverhältnis sehr schätzen gelernt. Ich habe sie ins Herz geschlossen. Auch sie werde ich vermissen wie einige andere Menschen, die ich in meinem Leben traf und zu denen ich mehr oder weniger Kontakt habe. Alle die, die wissen, dass ich bald gehen werde, nehme ich in Gedanken mit auf meine Reise. Ist es also wirklich ein Abschied, oder handelt es sich um ein Geistesgewirr? Gerade wo ich diese Zeilen schreibe, vergeht die Melancholie und wandelt sich in ein schönes Gefühl der Vertrautheit. Physisch entsteht ganz sicher eine Trennung, ein Abschied. Geistig jedoch bleibt alles beim Alten. Freundschaften bleiben bestehen, egal wo ich auch sein werde, oder wo auch immer sie sein werden.

8. Der Abschied von der Familie.

Was ist Familie? Wie definieren wir Familie? In meinem Fall ist meine Mutter meine Familie. Also von dem Gefühl der Verbundenheit her. Das liegt auch an meinem Lebensweg. Ich habe neben meiner Mutter auch meine Tanten, einen Onkel und zwei Cousins denen ich mich verbunden fühle. Sie alle wünschen mir das Beste und viel Freude bei meinem Vorhaben. Aber meiner Mutter zu verabschieden wird mir sehr schwer fallen. Wir haben sehr viel durchgemacht im Leben. Meine Mutter ist der wohl selbstloseste Mensch den ich überhaupt kenne. Sie war und ist immer für mich da gewesen und umgedreht genauso. In manchen Dingen ihres Lebens hat sie große Schwierigkeiten und ich hoffe, dass sie mit allem zurecht kommt, wenn ich auf meiner Reise bin. Hier wird es einen klaren Unterschiede beim Abschiedsgefühl im Vergleich zu meinen Freunden geben. Ich wünsche mir, dass sie ihren Kopf über Wasser halten wird. Für mich selbst wünsche ich mir, meine Sorgen um Sie loslassen zu und mehr Vertrauen in sie selbst legen zu können. Der Schmerz des Abschieds ist ebenso wenig beständig wie die Wolken am Himmel. Daran werde ich denken, wenn sich die Sorgen um sie mal wieder einschleichen wollen.

Allein reisen – stimmt das denn?

Nun zum zweiten Teil des Beitrages. Das Thema „Allein reisen“.
Aus meiner Sicht stimmt es nicht, wenn behauptet wird, man reist allein. Schließe ich meine Augen und stelle mir vor wie ich auf meiner Reise bin, dann sehe ich überall Menschen. Gut, sollte ich irgendwo auf einer Toilette sein, dann bin ich hoffentlich allein und niemand steht vor mir und beobachtet mich beim Business. Aber im Grunde ist kein Mensch wirklich allein. Egal ob er auf einer Reise ist oder nicht. Vielleicht ist man gefühlt allein, weil man in diesem Moment mit dem Rucksack durch die Welt zieht und gerade niemanden hat mit dem man reden könnte. Was mir persönlich aufgefallen ist, ist der Fakt, dass man eigentlich viele Menschen kennenlernet auf einer Reise. Egal wo man ist muss man Fragen zu den unterschiedlichsten Dingen stellen. Gehe ich also mit einem offenen Herzen durch die Welt, lerne ich neue Menschen kennen. Ob mir diese gefallen oder nicht spielt hierbei erstmal keine Rolle.

Das Paradoxon also ist, reise ich allein bin ich nicht allein. Geistig schon gar nicht, denn ich nehme Freunde und Familie immer mit. Physisch schon eher, aber eben auch nicht ständig. Es ist gar nicht möglich ohne andere Menschen durchs Leben zu latschen. Die Frage ist wie intensiv gestaltet sich das „Alleinsein“ auf einer Reise. Ich persönlich freue mich über jeden Menschen den ich kennenlernen darf. Und wenn ich mal die Nase voll habe und Zeit für mich brauche, besteht immer die Möglichkeit des Rückzugs. Es muss ja keine Toilette sein die ich hinter mir abschließe. Aber wer geht denn in die Welt um niemanden kennenzulernen? Darum geht es doch, neue Menschen und Kulturen kennenzulernen. Sonst bräuchte ich nicht losziehen. Also wer sich vor dem „Alleinsein“ fürchtet, der sollte sich auf machen und in die Welt ziehen. Vielleicht treffen wir uns ja irgendwo. Wäre doch eine feine Sache.

4 comments

  1. Sehr persönlicher Artikel!
    Habe mich in vielen Punkten auch wiedergefunden. Bin vor vier Jahren ausgestiegen. Zwischendrin teilweise wieder „eingestiegen“. Und dann wieder raus…
    Hab noch nicht den richtigen Weg gefunden, mit der Vergangenheit, der Heimat und den Ungewissheiten des Reisens umzugehen.
    Freue mich auf mehr Erfahrungen von dir!

  2. Hey Chris,

    hab Dank für’s Vorbeischauen und Beteiligen! Vielleicht geht es bei uns Ein- und Aussteigern gar nicht um das Absolute. Du bist mir Lichtjahre voraus und hast mehr Erfahrungen gesammelt in den letzten Jahren. Gerade wo ich diese Zeilen schreibe, denke ich an daran, dass alles im stetigen Wandel ist und in Bewegung. Es könnte also gut sein, dass wir gut daran tun uns nicht festzulegen, sondern einfach weiterhin unserem Bauch vertrauen und uns im Fluß des Lebens treiben lassen. Ich freue mich auf ein Treffen mit Dir, wann und wo auch immer sich unsere Wege in der bunten Welt kreuzen werde. Namaste und SHARE HAPPINESS!

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