Persönliches Erwachen

In den letzten 14 Tagen habe ich mich darin geübt meinen Aufenthalt in Kopan, der quasi der Anfang meiner Selbstfindung ist, nicht nur als Kursbesuch zu sehen sondern gleichzeitig Dinge zu ändern die mich immer wieder in unschöne Gemüts und Geisteszustände gebracht haben. Ein Beispiel hierfür ist zum Beispiel das Thema Moral. Ich bin eigentlich stets bemüht mich moralisch korrekt zu verhalten. Den Kurs wollte ich von Anfang an mit voller Hingabe über die Bühne bringen. Dazu gehörte auch, an wirklich jeder Sitzung (Teaching und Meditation) teilzunehmen. Nicht nur dasitzen sondern wirklich mitzumachen. Im Laufe der Tage kam es dann jedoch immer wieder zu dem Punkt, dass ich mich einfach total überfordert fühlte den ganzen komplexen Themen des tibetischen Buddhismus zu folgen geschweige denn verstehen zu können. Wie gesagt hier ist jedes gesprochene Wort in Englisch. Und Themen wie Emptiness und anderen die ein westlicher Mensch kaum verstehen kann mit seinem Geist sollte er sich nicht im Vorfeld schon einmal damit befasst haben, ist es oft so, dass mir fast der Kopf platzt vor lauter verstehen wollen. Es ist dann so, als würde man einen Glaszylinder mit noch mehr Luft füllen wollen obwohl dieser schon völlig verdichtet ist. Es bedarf dann eines Ventiles oder der Zylinder platzt. Genauso verhält es sich mit meinem Geist. Jetzt kommen ich zu der Zwickmühle. Ich habe angefangen manche Sitzungen auszulassen und habe mich dabei sehr schlecht gefühlt. Warum? Mein Geist, wo auch immer dieser in meinem Körper sitzen mag, wollte mir weis machen, dass ich es den Nonnen und allen anderen Schuldig bin jede Session mitzumachen. Die Moral hat mir so in den Hintern getreten dass es mir wirklich schlecht ging. Die Überforderung trieb mich von einer Episode in die Nächste. Ein Tag ging es mir geistig gut, am nächsten total bescheiden. Ich weiß nicht woher dieses Moralmonster kommt, wann ich es mir antrainiert habe wirklich jedem alles Recht machen zu wollen und meine eigenen Bedürfnisse wie Ruhe und Abstand von zu viel Trubel dermaßen zu vernachlässigen, dass ich immer wieder in einer ja schon depressiven Laune ende. Niemand hier im Kloster verlangt das von keinem Kursteilnehmer. Es hat mich manchmal wirklich fast in wahnsinnig gemacht und mich glauben lassen ich sei ein doofer Mensch.

Es hat tatsächlich einige Sessions gedauert die ich sagen wir mal blau gemacht habe, bis ich verinnerlicht habe, dass die Welt sich weiter dreht und niemand an meine Zimmertür klopft und mich ermahnt ich solle doch bitte zu jeder Session kommen. Es war ein harter Kampf mit dem Moralmonster, aber ich habe es besiegt. Glaube ich. Nun worauf will ich hinaus. Im Arbeitsalltag ging es mir ähnlich. Ich habe mich selbst unter Druck gesetzt alles schnell und ordentlich zu machen. Niemand stand im Job hinter mir und verlangte schnell zu arbeiten und mich so zu überfordern.

Es gibt hier in Kopan so viel zu erfahren und zu lernen. Vielleicht sind es nicht die Dinge die mir der Kurs bietet. Vielleicht oder ganz sicher geht es für mich darum meinen eigenen Kurs zu gestalten mit den Dingen die mir seid so langer Zeit das Leben schwer machen im Alltag. Das Moralmonster ist oder hoffentlich war eines dieser Dinge. Ich übe mich weiter darin diese Schwierigkeiten zu erkennen und in kleinen Schritten zu bearbeiten. Ich habe die Zeit und dafür bin ich dankbar. Sicher werden auch Menschen in meinem direkten Umfeld davon profitieren. Jedenfalls hoffe ich das sehr.

Bekanntschaften aus aller Welt

Wie ich bereits erwähnte sind wir im Novemberkurs etwa 250 Teilnehmer. Während der letzten 18 Tage habe ich hier mehr Menschen kennengelernt als in dem gesamten letzten Jahr in Leipzig. Zum einen liegt es daran, dass ich ganz sicher offener und unbefangener auf Menschen zugehe und zum anderen liegt es daran, dass andere Menschen auf mich zukommen und mit mir ins Gespräch gehen möchten. Was wir hier alle gleich haben ist das Kloster als vorübergehendes Zuhause und das Interesse an Meditation und/oder dem Buddhismus. Es wird uns auch immer wieder in mancher Session vor Augen geführt, das es doch sehr schön ist, dass alle 250 Teilnehmer sich nicht in die Haare bekommen und wir alle harmonisch miteinander zusammen sind. Ich nehme das auch als etwas Gutes an, wohl wissend, dass wir auch in einer Art geschütztem Umfeld zusammenleben ohne viel Einflüsse von Außen. Also nicht vergleichbar mit dem realen Leben außerhalb des Klosters. Wie auch immer. Zu drei Menschen habe ich hier engeren Kontakt aufgebaut. Ihre Schicksale und Beweggründe nach Kopan gekommen zu kommen waren sehr unterschiedlich.

Aline, die als Deutsche in Dublin lebt und dort als technische Übersetzerin arbeitet, kam nach Kopan aus Interesse am Buddhismus und Meditationspraktiken. Sie stets sehr aufgeweckt und hat ein großes Herz. Sie sagt selbst von sich, dass sie ein gutes Leben hatte und das merkt man ihr auch an. Aline ist sehr quirlig unterwegs und gibt fast täglich einen guten Tipp, wie noch happier werden könnte. Dabei fragt sie mich aber nicht ob ich nicht schon happy genug bin. Sie meint immer ich sehe „grumpy“ aus. Das kann ich so nicht beurteilen weil ich mich ja nicht von außen sehe. Manchmal geht es mir auf den Zeiger und ich versuche ihr dann mitzuteilen, dass ich einfach nicht wie ein „Grinsebär“ durch die Gegen latsche. Das klappt meist nicht, denn sie hat das Talent mir ins Wort zu fallen. Ich habe mich daran gewöhnt und oft nehme ich es mit Gleichmut. Sie meint es ja nicht böse. Allerdings zuckt sie auch schon mal zusammen, wenn ich sie darauf hinweise, mich aussprechen zu lassen. Ich mache mir manchmal einen Spass daraus, ich meine es ja nur gut. Ich gestehe es macht immer Spass mit ihr durch die Pampa zu latschen und ein wenig das Umfeld zu erkunden, oder mit ihr einen Milchtee zu trinken in irgendeines der unzähligen kleinen Cafés, die sie immer wieder neu entdeckt.

Iva, aus Kroatien, ist ebenfalls eine sehr gute Seele und sehr spendabel. Egal wer in das kleine Café vor dem Kloster kommt wird auf einen Tee eingeladen und mit einem breiten Lächeln von ihr begrüßt. Iva ist sehr aufgeschlossen und sucht das Gespräch zu Einheimischen genauso wie zu Kursteilnehmern. Sie schwärmt vom Buddhismus und kam mit der festen Absicht her, so viel es geht aus den Teachings mitzunehmen. Manchmal habe ich das Gefühl, das sie sich den ganzen Glaubenssachen zu sehr hingibt und ihre Erwartungen sie am Ende unglücklich machen könnten. Im Moment hat sie eine fette Erkältung und macht auf mich einen sehr erschöpften Eindruck. Über ihr Verhalten habe ich mich selbst erkannt und erinnerte mich daran wie es mir oft ging, wenn ich mal wieder 200 Prozent gab und nicht nach meiner Kondition gelebt habe. Jede gute Spiegelung scheint sie abzulehnen und möchte nicht wahrhaben, dass ihr Körper so heftig reagiert weil er am Limit ist. Sehr viele jener Teilnehmer die das straffe Programm von 5.30 Uhr bis 21:00 Uhr durchgezogen haben sind krank geworden. Für mich ganz klar ein Zeichen von unerkannter Überforderung und entsprechender Reaktion des Körpers auf diese.

Dann ist das noch Erica aus Australien. Ihre Lebensgeschichte ist mit großem Abstand die härteste die ich je in meinem Leben von einem Menschen erfahren habe. Ich werde hier nicht ins Detail gehen. Erica praktiziert seid mehren Jahren Buddhismus und Meditation. Ich persönlich habe das Gefühl für Sie ist es wie eine Art Langzeittherapie. Sie ist wirklich ein herzensguter Mensch und im Kopf sehr aufgeschlossen und klar. Auch sie hat wie ich Erfahrungen mit Depression und den ganzen Zuständen in denen man sich befindet, wenn man in einer Episode hängt. Das Gespräch mit ihr hat mir vor allem gezeigt, dass es möglich ist mit einem gewissen Geistestraining diese Krankheit und andere menschliche Leiden zu überwinden. Ich ziehe vor allem vor ihr meinen Hut und werde ihre Geschichte sicher nicht so schnell vergessen. An einem Abend habe ich ihr angeboten, so sie es denn möchte, eine Website zu gestalten, damit sie ihren Lebensunterhalt mit Meditaionskursen verdienen kann. Sie hat aufgrund ihrer Lebensgeschichte keine Möglichkeit gehabt eine Ausbildung zu machen. In Australien, so sagte sie mir, sei es für sie daher unmöglich einen entsprechend gut bezahlten Job zu bekommen. Ihr Wissen um Meditation könnte sie locker auch in ein Buch packen. Mal sehen ob sie sich irgendwann bei mir melden wird.

Gedanken um das Weiterziehen

Seid einigen Tagen überlege ich täglich ob und welchen Sinn es noch macht hier im Kloster zu bleiben. Der Ursprungsgedanke hier her zu kommen war ja der, die ganzen Sessions mitzumachen und Praktiken zu vertiefen. Wohin hat es mich gebracht? Ehrlich gesagt hat es mich nicht wirklich glücklich gemacht. Manchmal sollte man nicht noch einmal an den gleichen Ort kommen, der einen einst so verzaubert hat. Es ist wirklich schön hier im Kloster, das Essen ist lecker, das Bett ist bequem und tagsüber habe ich Menschen zum plaudern und kann mich günstig mit Milchtee oder Ingwertee versorgen. Was das tägliche Programm angeht, nun daran nehme ich wie gesagt seid einigen Tagen nicht mehr teil und mache mein Ding. Was ja auch gut ist. Wie gesagt habe ich mich darin geübt gerade das „Mein Ding machen“ zu trainieren ohne mich jemandem außer mir selbst moralisch verpflichtet zu fühlen. Das ganze hat mir auch Selbstsicherheit gegeben, welche in den letzten Jahren verschwunden war. Ich habe gute Gespräche geführt und stehe jeden Morgen mit positiven Gedanken und einem gewissen Wohlwollen auf. Was will ich im Moment mehr? Höre ich andere Teilnehmer wie gespannt sie zum Beispiel auf das Teching von Lama Zopa Rimpoche sind, habe ich das Gefühl mit Fußballfans zusammen zu sein, deren Lieblingsverein spielen wird und sie total aus dem Häuschen sind. Ich habe dieses Verlangen nicht und kann diese Art „Anhaftung“ nicht nachvollziehen. In unserer Diskussionsgruppe habe ich immer mehr das Gefühl das unser Gruppenleiter, der laut ihm seid mehr als 10 Jahren praktiziert, andere dazu bekehren will „Refuge“ zu nehmen. Im Buddhismus bedeutet das, Zuflucht zum Guru zu nehmen. Damit verbunden sind gewisse Verpflichtungen und Regelwerke. Ich persönlich finde das gruselig und sehe mich da nicht mehr und fühle mich in den Gesprächen nicht mehr wohl noch am richtigen Platz. Was also tun? Bleiben und die restlichen Tage genießen mit Menschen die ich mag und anderen Dingen oder Rucksack packen und abdampfen? Immer wieder suche ich nach Unterkünften auf AIRBNB oder spiele mit dem Gedanken zu Pramesh nach Bhaktapur zu wandern. Das sind etwa 4 Stunden dann wäre ich in Bhaktapur. Oder ich latsche nach Kathmandu und suche mir dort ein Zimmer. So viele Möglichkeiten eine Entscheidung zu treffen. Vielleicht auch ein gutes Thema was ich mir als nächstes auf die Fahne schreibe: „Entscheidungen treffen ohne zu lange gedanklich in den Optionen zu verweilen“.

Welche Entscheidung steht bei Dir gerade an?